Ein Kunde ruft an: "Das WLAN funktioniert hinten in der Werkstatt wieder nicht." Dritter Anruf diese Woche. Der Betrieb hat vier FRITZ!Box-Geräte, die ein Mitarbeiter irgendwann hingestellt hat. Alle auf dem gleichen Kanal. Keine Koordination. Kein Plan.
Das ist kein Einzelfall. Es ist der Regelzustand in KMU, die WLAN nie professionell geplant haben.
Was ein Site Survey ist — und warum er unverzichtbar ist
Ein Site Survey ist die Vermessung des Gebäudes vor der WLAN-Planung. Wir gehen mit Messtechnik durch jeden Raum, jede Etage, jeden Korridor — und erfassen, was Funksignale blockiert, abschwächt oder reflektiert.
Beton, Stahlträger, metallische Verkleidungen, Aufzugsschächte: All das beeinflusst, wie sich 2,4 GHz und 5 GHz im Raum verteilen. Ohne Messung ist jede Access-Point-Platzierung Raten. Mit Messung ist sie Kalkulation.
Das Ergebnis: eine Heatmap. Eine visuelle Darstellung der Signalstärke über den Grundriss. Bereiche mit schlechter Abdeckung leuchten sofort auf. Interferenzquellen werden sichtbar. Der Planer sieht, wo Access Points hingehören — und wie viele.
Heatmap-Analyse: Was dahintersteckt
Wir nutzen Tools wie Ekahau Site Survey oder NetSpot, um Signalstärke (RSSI), Signal-Rausch-Abstand (SNR) und Kanalauslastung im Grundriss zu visualisieren. Pro Messpunkt werden typischerweise 5–15 Datenpunkte erfasst.
Was wir dabei prüfen:
- RSSI: Signalstärke in dBm. Für stabile VoIP-Verbindungen mindestens -65 dBm, für normales Browsen reichen -75 dBm.
- SNR: Signal-Rausch-Abstand. Unter 20 dB wird es unzuverlässig.
- Kanalinterferenz: Welche Kanäle sind bereits durch Nachbarn belegt?
- Coverage Overlap: Mindestens 15–20 % Überlappung zwischen Access Points für sauberes Roaming.
Access Point Platzierung: Weniger ist mehr
Der häufigste Fehler: zu viele Access Points, zu nah beieinander. Das klingt kontraintuitiv. Mehr ist doch besser? Nein. Zu viele APs auf zu wenig Fläche erzeugen selbst Interferenz — die eigenen Geräte stören sich gegenseitig.
Faustregel für Bürogebäude: Ein Enterprise-Access-Point versorgt zuverlässig 200–400 m² bei normaler Betonbauweise. In Stahlskelettgebäuden oder mit Brandschutzwänden deutlich weniger.
Für ein Betriebsgebäude mit 1.000 m² auf zwei Etagen bedeutet das 6–8 APs — nicht 20 Consumer-Router.
Roaming: Wenn Geräte den Access Point wechseln
Wer mit Laptop oder Handy durch das Büro läuft, will nicht merken, dass im Hintergrund ein AP-Wechsel stattfindet. Professionelles Roaming erfordert drei Dinge:
- 802.11r (Fast Transition): Verkürzt den Handover auf unter 50 ms statt mehrerer Sekunden.
- 802.11k: APs informieren Clients über Nachbar-APs — Geräte wechseln gezielt statt zufällig.
- Einheitliche SSID: Alle APs senden denselben Netzwerknamen auf der gleichen Frequenz.
Das funktioniert nur mit Enterprise-Hardware und zentralem Controller. Mit Consumer-Routern ist es strukturell unmöglich.
Consumer-Router im Büro: Konkrete Probleme
FRITZ!Box und Co. sind für den Heimgebrauch gebaut. Das bedeutet:
- Maximaler Durchsatz für 1–5 Geräte gleichzeitig, nicht für 30
- Automatische Kanalauswahl ohne koordinierte Nachbarschaftserkennung
- Keine zentralisierte Verwaltung — jedes Gerät ist eine Insel
- Kein 802.11r/k/v-Support für sauberes Roaming
- WLAN-Funkeinheit und Router in einem Gerät: bei hoher Last blockiert das eine das andere
Das kostet täglich Arbeitszeit. Videokonferenzen, die einfrieren. VoIP-Gespräche, die abbrechen. Downloads, die sich aufhängen. Schwer zu quantifizieren, aber real.
Enterprise-Hardware: Was der Unterschied kostet
UniFi (Ubiquiti) und Aruba sind die häufigsten Enterprise-Systeme im KMU-Bereich. Beide bieten zentrales Management, koordiniertes Roaming und saubere VLAN-Integration.
Typische Kosten für ein WLAN-Projekt im KMU:
- Kleines Büro, 300 m², 3–4 APs: 2.500–4.500 € (Material + Installation + Konfiguration)
- Mittleres Gebäude, 800–1.200 m², 8–12 APs: 6.000–10.000 €
- Produktionshalle + Bürotrakt, gemischt: ab 8.000 €, je nach Hallendämpfung
Der Site Survey ist dabei keine Extraleistung — er ist Teil des Projekts und verhindert, dass Material falsch eingeplant wird. Eine schlechte Planung kostet beim zweiten Anlauf mehr als die Planung beim ersten.
Was nach dem Projekt geliefert wird
Nach der Installation gibt es kein "irgendwie funktioniert es". Wir liefern:
- Heatmap der tatsächlichen Abdeckung nach Installation (Post-Survey)
- Dokumentation aller AP-Positionen mit Montagehöhe und Ausrichtung
- Konfigurationsdokumentation: SSIDs, VLANs, Sicherheitseinstellungen
- Zugangsdaten für das Management-Interface
Das ist wichtig, wenn in drei Jahren der nächste Dienstleister den Bestand aufnehmen muss — oder wir selbst erweitern sollen.
Gemessen, nicht geraten. Das ist der Unterschied zwischen einem WLAN das funktioniert und einem das man drei Mal im Jahr anfassen muss.
Fazit
WLAN-Planung für KMU ist kein Luxus. Sie ist Grundvoraussetzung für stabile Kommunikation, funktionierende VoIP-Systeme und einen modernen Arbeitsplatz. Der Site Survey ist dabei das Fundament — ohne ihn plant man blind.
Wer heute auf Consumer-Hardware setzt und sich fragt, warum das WLAN nie richtig funktioniert, kennt die Antwort bereits.